Die Generation des Wegschauens - warum wir jetzt aufräumen müssen
- vor 8 Stunden
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Wenn Frauen anderen Frauen nicht glauben
Es gibt Sätze, die treffen tiefer, als die Person, die sie ausspricht, ahnt.
Einer davon ist:
„Na ja, man weiß ja auch nicht, ob das wirklich stimmt.“
Ich habe diesen Satz kürzlich von einer Freundin gehört.
Sie erzählte mir von einer Frau, die von Erlebnissen aus ihrer Kindheit berichtete – von Grenzverletzungen, von Gewalt, von Dingen, die kein Kind erleben sollte.
Und dieser eine Satz blieb im Raum stehen. Schwer. Kalt. Abwertend.
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus etwas anderem: unaufgearbeitetem Trauma.
❗️Trauma zeigt sich nicht nur im eigenen Leben
Wir sprechen viel darüber, wie Trauma unsere Beziehungen zu Männern beeinflusst.
Aber wir sprechen viel zu wenig darüber, wie es Freundschaften zwischen Frauen prägt.
Frauen, die ihr eigenes Trauma nicht integriert haben, reagieren oft nicht mit Mitgefühl, sondern mit Zweifel, Distanz oder Abwertung – besonders dann, wenn andere Frauen ihre Wahrheit aussprechen.
Nicht, weil sie nicht intelligent sind.
Nicht, weil sie grausam sind.
Sondern weil das Anerkennen der Wahrheit einer anderen Frau die eigene Geschichte berühren würde.
Und das ist für viele zu bedrohlich.
„Warum sollte man sich so etwas ausdenken?“
Diese Frage habe ich gestellt.
Denn sie ist zentral.
Warum sollte jemand sexuellen Missbrauch erfinden?
Warum sollte jemand psychische oder körperliche Gewalt erfinden?
Warum sollte jemand sich freiwillig in eine Opferrolle begeben – mit all der Scham, dem Zweifel, dem gesellschaftlichen Misstrauen?
Die Antwort ist einfach: Niemand tut das.
Das sehen wir auch bei Bewegungen wie #MeToo.
Die Unterstellung, Frauen würden sich Geschichten ausdenken – aus Aufmerksamkeit, Rache oder Geltungsdrang – ist ein altes, patriarchales Narrativ.
Und erschreckend ist: Viele Frauen haben es unbewusst übernommen.
Die Prägung unserer Generation
Viele von uns – besonders aus der Generation vor mir und meiner – sind so aufgewachsen:
mit Vätern, die emotional abwertend oder dominant waren
mit Müttern, die gelernt haben zu schweigen
mit dem Gefühl, dass weibliches Leid „übertrieben“ ist
mit dem unausgesprochenen Konsens: „Stell dich nicht so an.“
Unsere Mütter haben oft selbst massive Abwertung erlebt.
Und sie hatten keine Sprache dafür.
Keinen Raum.
Keine Wahl.
Was sie weitergegeben haben, war nicht böse gemeint – aber es war ungeheilt.
Wenn Frauen bei Männern „leicht“ sind – und bei Frauen hart
Ein Muster, das ich immer wieder beobachte:
Manche Frauen sind im Kontakt mit Männern locker, witzig, gefällig, angepasst – fast anbiedernd.
Sie wollen gefallen, kompetent wirken, nicht anecken.
Im Kontakt mit Frauen jedoch werden sie kritisch, kalt oder abwertend.
Das ist kein Zufall.
Es ist ein Schutzmechanismus.
Denn Nähe zu Frauen bedeutet: Spiegelung. Wahrheit. Konfrontation.
Und genau das ist für ungeheiltes Trauma gefährlicher als jede männliche Anerkennung.
Die jüngeren Generationen sehen es sofort
Was mir Hoffnung macht:
Jüngere Frauen – viele Anfang 20 – spüren sofort, wenn etwas nicht stimmt.
Sie gehen.
Sie benennen.
Sie verweigern Loyalität gegenüber verletzenden Systemen.
Ja, sie haben andere Themen.
Ja, Beziehungen sind komplexer geworden.
Aber sie haben etwas, das viele von uns erst mühsam lernen mussten:
ein feines Gespür für innere Wahrheit.
Wir sind die Generation, die aufräumt
Ich glaube:
Meine Generation ist die, die anfängt aufzuräumen.
Nicht perfekt.
Nicht immer sanft.
Aber ehrlich.
Trauma hört nicht einfach auf, nur weil wir älter werden.
Es wirkt weiter – in Partnerschaften, in Mutterschaft, in Freundschaften.
Und solange wir Frauen einander nicht glauben,
solange wir abwerten, relativieren oder wegsehen,
arbeiten wir unbewusst für genau die Systeme, die uns geschadet haben.
🩷I AM WOMAN steht für etwas anderes
Für Glauben statt Zweifel.
Für Mitgefühl statt Bewertung.
Für Wahrheit statt Verdrängung.
Und vor allem:
Für die Bereitschaft, hinzuschauen – auch wenn es unbequem ist.
Denn Heilung ist nicht leise.
Sie ist ehrlich.








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